
Wenn wir mit Kindern agieren haben wir es immer mit mindestens zwei Kindern zu tun. Dem Kind vor uns und dem Kind in uns. Für ein friedliches Miteinander ist es wichtig beiden Kindern Gehör und Einfühlung zu schenken.
Der Alltag als Mama (oder Papa) ist eine echte Herausforderung – so gibt es viele Bereiche in denen wir von uns selbst Höchstleistung erwarten ohne dies zu registrieren.
Der Terminkalender ist voll, die Arbeit spannt uns ein, der Haushalt wird auch nicht von alleine erledigt …
Da ist es manchmal gar nicht so einfach einen Schritt zurück zu gehen und sich das ganze mal genau anzusehen.
-Was brauche ich?
-Was brauchen die anderen Familienmitglieder?
-Was ist für uns wirklich wichtig?
Den eigenen Kompass immer wieder zu justieren und sich auf das Wesentliche zu fokussieren, ist einfacher gesagt als getan.
Wo ist sie hin unsere Intuition, unser Bauchgefühl? Ist da bei all dem „Funktionieren müssen“ noch Platz für unser ganz eigenes tiefes ICH?
Ich glaube, dass wir auf dem Weg in eine friedvolle Elternschaft immer wieder den Finger liebevoll in die Wunde unserer eigenen Erziehung legen müssen.
Nur wenn wir unseren Wert als Mensch unabhängig von dem was wir täglich leisten anerkennen, können wir auch unsere Kinder wirklich bedingungslos lieben.
Ich merke wie ich selber bei diesem Satz tief durchatme. Es ist alles andere als selbstverständlich und es bleibt auch für mich ein Weg. Ein Weg bei dem ich für jeden Schritt so unendlich dankbar bin.
Ich wohne in der Nähe der Ostsee und gehe gerne baden – auch wenn es kalt ist – oder vielleicht gerade dann. Ich liebe es jede Faser meines Körpers zu spüren, das Kribbeln auf der Haut, die Steine und den Sand an den Füßen. Ich kann in diesen Momenten ganz bei mir sein und das Gedankenkarussell abschalten. Stille!
Nach der Stille und dem Ankommen kann ich wieder DA SEIN für meine Familie. Wenn ich mich gut versorge, kann ich auch für meine Mitmenschen gut sorgen. Mir diese Selbstfürsorge zuzugestehen, war für mich nicht immer einfach. Ich musste lernen mir selber etwas zu gönnen, ohne schlechtes Gewissen. Meine Gedanken waren mir lange Zeit nicht besonders wohlgesonnen. Ständig sagte mir ein „kleiner Mann“ in meinem Kopf „du bist nicht gut genug“. Ich musste lernen ihm genau zuzuhören und auch diese Stimme anzunehmen – und siehe da, die Stimme wurde leiser und leiser.
Wie transformieren wir unsere Haltung uns selbst und unseren Kindern – ja allen Mitmenschen – gegenüber?
Je weiter ich den Weg in die Selbstliebe und völlige Selbstverantwortung gehe, desto bunter und schöner wird meine Welt. Ich kann alle Gefühle zulassen und willkommen heißen – sie betrachten und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken. Ich kann die Liebe sprechen lassen und verabschiede die Angst. Ich kann den Mut, von dem ich lange geträumt habe, spüren und auf zu neuen Taten schreiten.
Die Selbsterkenntnis ist
befreiend und ermächtigend. Ich bin sehr froh meinem eigenen inneren Kind
begegnet zu sein – und es nun liebevoll in den Arm nehmen zu können.
Die Haltung der gewaltfreien Kommunikation hat mich auf dem Weg zu mir selbst begleitet und ich durfte, so wie ich Stück für Stück in die kalte Ostsee gehe, auch hier langsam in die Haltung eintauchen. Das war nicht immer einfach. So wie das kalte Wasser der Ostsee auch zu Beginn schmerzhaft sein kann, so schärft dieser Schmerz auch das Bewusstsein. In kleinen Schritten löse ich mich davon alles und jeden zu bewerten. Beobachten ohne zu bewerten wird ein neues Hobby. Feinfühlig nehme ich meine Reaktionen und Gefühle wahr. Sie alle sind willkommen – so zeigen sie mir doch meine leeren Schalen, meine unerfüllten Bedürfnisse. Beim genaueren Hinsehen hatten einige Schale Sprünge, so dass egal wie sehr ich mich bemühte sie voll zu bekommen, immer gleich ein Teil versickerte. Der Blick ins tiefe Innere brachte Heilung. Nun kann ich selber die Verantwortung für meine Schalen (Bedürfnisse) übernehmen und versuchen sie so voll zu halten, dass der Springbrunnen überspringt.
Das Wissen, dass sich nie zwei Bedürfnisse im Weg stehen, sondern immer nur die gewählten Strategien um sie zu befriedigen, erweitert meinen Horizont. So gibt es immer zig Möglichkeiten und das erkunden neuer Wege jenseits der eingelaufenen Trampelpfade macht glücklich und zufrieden.
Inzwischen kann ich auch die Hilflosigkeit und Ohnmacht liebevoll willkommen heißen. Ich lade sie ein sich neben mir auf die Bank zu setzen. Dann betrachten wir die tragische Situation und bedauern gemeinsam, dass ich aufgrund meiner aktuellen Ressourcen keine passendere Strategie habe finden können – auch das darf sein. Ohne kleinmachende Schuld kann ich Verantwortung übernehmen. Ohne zerstörerische Scham kann ich, auch in Situationen in denen es nicht rund läuft, mir ehrlich in die Augen sehen. Ich darf die Traurigkeit kommen lassen ohne, dass sie mich überrollt. Und so fließen von Zeit zu Zeit Tränen in das „Haltung baden“. Genüsslich nehme ich ihren salzigen Geschmack war, während die Tränen über meine Wangen in den Mund fließen.
In tiefem Vertrauen, dass alles seine Zeit hat und ich mich auf meine Intuition verlassen darf, kann ich nun fast jede Situation zulassen und annehmen.
·Atmen
·Willkommen heißen
·Annehmen
·Reaktionen innerlich erlauben – lebendig werden lassen
·Gefühle wahrnehmen und zulassen - eintauchen
·Zeit geben und vertrauen, dass meine innere Stimme liebevoll und umsichtig agiert
·Die Bedürfnisse identifizieren und Wertschätzung für die Rückmeldung erlauben
·Die Vielfalt der möglichen Strategien erkunden – Flexibilität leben
… und dann spüre ich wieder dieses tiefe Kribbeln in mir. Die pure Verliebtheit in das Leben mit seinen Höhen und Tiefen.
Eine satte Liebe – die empfangen und gegeben werden kann. Die wunderbare Schönheit der Einfühlung und der Beziehung auf Augenhöhe.
Friedvoll kann ich erkennen, dass meine Wahrheit durch meine Brille der Erfahrungen und Prägungen für immer eingefärbt bleibt. Ich kann die Wahrheiten meiner Mitmenschen neben meiner stehen lassen. Es gibt keine bessere oder schlechtere – es gibt nur ihre und meine. Es bleibt die Sehnsucht, dass ich verstanden werde. Dass meine Wahrheit nachempfunden werden kann. Neben der Sehnsucht steht die Neugier in die Welt der anderen einzutauchen, ihre Insel vorsichtig zu betreten. Nicht um sie zu verändern, sondern um ggf. auch hier zu lernen oder zu helfen.
Weiterhin liebe ich die Klarheit der Mathematik und die Erkenntnis der Physik, welche mir in meinem Studium so viele Momente der Fülle beschert haben.
Doch brennt mein Herz aktuell für die Welt der Gefühle – ihre Macht zu spüren und die Kraft der Annahme bewegen mich und ich bin zutiefst dankbar für diese Verbindung.
Dabei bleibt ein wissenschaftliches Interesse bestehen – denn auch hier möchte ich die Mechanismen nicht nur fühlen, sondern auch auf rationaler Ebene verstehen. Und so bilde ich mich stetig weiter, finde spannende Bücher, Vorträge und Artikel welche das Wissen vernetzen und die einzelnen Puzzlestücke integrieren. Meine größten Lehrer sind jedoch meine Kinder. Durch sie darf ich alles wieder mit neugierigen, unvoreingenommenen Augen sehen. Sie zeigen mir meine eigenen Unstimmigkeiten und Entwicklungspotenziale schonungslos und liebevoll auf. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich meinen Blick immer wieder auf das Wesentliche richte. Wir dürfen gemeinsam leben und gemeinsam wachsen.
Mahatma Gandhi sagte einmal: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünscht für diese Welt.“ Ich versuche diesem hohen Anspruch mit jedem neuen Tag etwas gerechter zu werden, ohne mich und meine Familie dabei zu verlieren.
Ich wünsche mir sehr, dass ich Menschen dabei helfen kann, ihren inneren Kern zu finden und im Einklang mit ihrer inneren Stimme ein friedvolles, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Bei Eltern, welche im heutigen Zeitalter so zahlreiche Herausforderungen bestehen müssen, ist die Kenntnis über die eigenen inneren Prozesse und Werte besonders wichtig. Nur so können sie ihre Kinder mit all ihren Emotionen in jeder Situation vollständig annehmen. Bedingungslose Liebe bedeutet die Kinder nicht zu verändern oder zu formen und stattdessen im Vertrauen in ihre eigene Entwicklung an ihrer Seite zu sein. Dies ermöglicht den Kindern sich selbst anzunehmen – der Grundstein für ein gesundes Selbstwertgefühl und klare Selbsterkenntnis.
Diese Kinder werden keine unerfüllten Bedürfnisse mit Sucht oder Konsum betäuben müssen – sie dürfen sich selbst in ihrer Unvollkommenheit lieben und diese Liebe weiter in die Welt tragen.
Auch ich bin und bleibe ich unvollkommen – ich falle von Zeit zu Zeit aus meiner Haltung und greife hilflos auf destruktive Schutzstrategien zurück. Komplette Gewaltfreiheit bleibt ein unerreichbares Ziel, dem ich nur näher kommen kann, es dabei nie erreichen werde – und auch das darf so sein.
Meine Kinder haben das Recht auf ihre ganz eigene Sicht der Dinge. Auch sie werden Narben aus ihrer Kindheit mit ins Erwachsenenalter nehmen, an denen ich meinen Anteil habe. Die Arbeit an der eigenen Haltung bleibt ein lebenslanger Prozess – doch jeder kleine Schritt ist es wert gegangen zu werden.
Ich liebe es gedanklich „Haltung baden“ zu gehen. Wer kommt mit?
Dankbar
Annegret